21.08.2009 von Johanna Weidauer

The Whitest Boy Alive, Tape

Ein bürgerliches Konzert, mit bürgerlichem Publikum und vielleicht doch auch einer bürgerlichen Band, nannte meine Begleitung den Abend im Tape Club. In deinen Adern pulsiert der Punk, dacht ich hingegen und erinenrte mich an die Konzerte...

Weiterlesen …

08.06.2009 von Johanna Weidauer

Zehn Jahre Immergut

Dieses Jahr sollte es also endlich einmal ein richtiges Festival sein, mit Schlafsack, Zelt und Einweggrill.

Weiterlesen …

Patrick Wolf, Astra

06.10.2009

Patrick Wolf Sexy

Patrick Wolf glaubt an Geister!

 

Verlegt vom Lido ins Astra spielt heute Abend hier Patrick Wolf. So früh wie noch nie stehe ich vor den noch verschlossenen Toren des Astras bzw. vor den Gittern. Eher zufällig. Ich setze mich hin und beobachte das Publikum. Trinke billigen Erdbeersekt mit meinen Begleitern. Ein perfekter Einstieg, ja fast eine Metapher für den kommenden Abend bietet sich sofort an: Es ist kalt, dunkel, der Herbst ist plötzlich schlagartig hereingebrochen. Hinter den Gittern sieht man Patrick Wolfs Rücken. Patrick Wolf von vorne wird man später sehen. Er gibt ein Interview. Eingefleischte Fans stehen erwartungsvoll vor den Gittern. Sie fassen die Stäbe an und gucken durch das noch verschlossene Eingangsgitter hindurch, auf die Person der Begierde, auf das Tier im Zoo: Patrick Wolf, oder wohl besser Patrick Wolfs Rücken. „The Libertine is locked in jail.“

Dieses Trennungsgefühl verfliegt jedoch schon in den ersten Sekunden des Konzerts. Sofort erahnt man, es wird persönlich. Mit mittlerweile vier veröffentlichten Alben kann das Allround-Musiktalent Patrick Wolf auf viel Gutes blicken. Immer noch scheint er vor Kreativität und Tatendrang überzuschäumen, so dass man sich schon auf das 2.Werk des ursprünglich geplanten Doppelalbums zu "The Bachelor" freuen kann. Das thematische Gegenpendant namens „The Conqueror“ erscheint Anfang 2010.


Patrick Wolf und seine exotischen Kostüme – dieses Thema wird oft breit und ausschweifend behandelt. Verständlich. Wolf wird für seine „The Bachelor“- Tour von der britischen Avant-Garde-Modedesignerin Ada Zanditon gekleidet. Und beim langen Warten auf Patrick Wolf in der Umbaupause schnappt man schon einige ernste Fachsimpeleien über sein erwartetes Bühnenoutfit auf.

Was wird er wohl dieses Mal tragen? Das Gleiche wie immer? Irgendwas mit Schulterpolstern, Gold? Enges, Freizügiges?

Dies beschreibt es schon sehr gut. Und ja ein bisschen Kritik schwappt hier auch mit, wie man mitbekommt. Doch Patricks Kostüme als Einheitsbrei zu bezeichnen wagt keiner. Sind sie ja auch nicht. Es ist ein Stil, der plus Image und Musik fast zu einem Gesamtkunstwerk beiträgt, den der Gute hegt und pflegt ohne den er wohl nicht ganz so erfolgreich wäre. Ein Outfit reicht dem Londoner nicht. Während des Konzertes wechselt er seine Kostüme geschätzte vier-, fünfmal. Das Umziehen bzw. Ausziehen wird manchmal sogar auf der Bühne erledigt. Anfangs lebt er den Pathos mit riesigen Federschulterpolstern aus, zwischendurch zeigt er sich im weißen Einteiler und hüpft und singt dann bisweilen nur noch in einem kleinen Lederslip. Es kommt gut an. In einer Umziehpause ergreifen so einige alkoholisierte junge Männer ihre Chance nehmen das Mikro – von Patrick persönlich in die Menge gegeben – in die Hand und können nun für ein Paar Minuten die Masse unterhalten. Was sie genau sagen wird akustisch nicht ganz klar. Doch das ist egal, jeder Einzelne im Raum scheint es zu ahnen.

Im Laufe des Konzerts kommt auch das geliebte Gold in jeder Form nicht zu kurz. Ein Outfit besteht nur aus Gold, auf der Bühne wirbelt er mit Goldpuder um sich. Zum Schluss zeigt er sich in Weißtönen mit Unmengen Holzstäben an der Jacke. Der Londoner Patrick Wolf spielt und spielt – große Hits wie pompöse „MagicPosition“ oder "Tristan" genauso wie kleine minimale Folksongs. Patrick Wolf ist ein Alleskönner. Er beherrscht nicht nur Gitarre und Klavier, sondern auch etwas exotischere Instrumente wie Harfe, Ukulele und Akkordeon. Und so wechselt Wolf diese natürlich auch auf seinem Konzert unentwegt. Die Roadies haben viel zu tun. Der Pathos und der gutartige Kitsch werden auf einer schönen Art und Weise ausgelebt. Bei "Damaris" sieht man Wunderkerzen aufleuchten, alles was glänzt und funkelt spiegelt sich auch im Publikum wider. Neben seinen perfekten Unterhaltungs- und Musikkünsten lebt das Publikum aber besonders von seinen langen, persönlichen Ansagen. Wolf macht sich noch sympathischer, vor allem in den Pausen zwischen den Liedern, in denen er nicht sein Showtalent zeigt, sondern etwas persönlicher wird. Er bedankt sich nicht nur einmal bei seinen wunderbaren Musikern im Hintergrund. Der Londoner scheint erwachsener geworden zu sein, aber keinesfalls langweiliger. Und als einsamen „pigfarmer“ sieht er sich auch nicht mehr, wie er vor „The Bachelor“ lächelnd feststellt. Er ist schon einige Zeit in festen Händen. Eines liegt auf der Hand, der stärkste Song der neuen Platte wurde nicht gespielt: „Oblivion“. Ja, es ist schwer Kritik zu finden.

"Magic Position" bekommt durch ihn ein perfektes Intro. Sitzend am Keyboard lobt er das Publikum und beschreibt dann wie das Wort cool im britischen Cockney Akzent „magic“ heißt. Besonders gefällt mir auch, als er von Geistern spricht. Patrick Wolf glaubt an Geister, natürlich. Das Ganze entsteht eher spontan. Während er die Applaudierfreude der Berliner lobt, hört er ein komisches Schreien. „What was that?“ will er wissen. Keine Antwort. Nicht einmal das Publikum weiß weiter. So muss es ein Geist gewesen sein und schlagartig sieht er im Publikumsgedämpf Erscheinungen von Gespenstern. Doch Wolf wäre nicht Patrick Wolf wenn er nicht seine kreative revolutionäre Gesellschaftskritik, die vor allem auf dem neuesten Alben „The Bachelor“ großartig umgesetzt wurde, in einen seiner Ansagen mit einbringt. Mit einem Klaps auf seinen Bauch kritisiert er die Medien, die ihn als zu fett bezeichnen, kritisiert die Menschen, die ihn zu weiblich, zu lächerlich und peinlich nannten und prangert auch die Journalisten an. Stören Patrick Wolf solche negativen Gerüchte also doch? Nein, auf gut Deutsch scheißt er drauf.
Es folgt passend auf diese Ansage „The Libertine“ vom "Wind in the Wire"-Album: „...the  circus girl fell off her horse, now shes paralysed"

"The libertine is locked in jail “

"But I still have to go. I've got to go. So here I go."

"...The risk of being free.“

Dieses Risiko nimmt er gerne in Kauf. Er fordert vor allem auch mehr Toleranz. Klar natürlich gegenüber Schwulen, Lesben und Transsexuellen, aber wohl vor allem gegenüber dem verpönten Konservativismus. In "Hard Times" singt er davon, wie Ignoranz und Naivität heutzutage immer noch bewundert werden, auch das elektrische „Vulture“, zusammen mit Alec Empire geschrieben, spricht von schweren Zeiten („Its a hard lesson. So let me learn.“). Typisch auch hier kein Aufgeben, nein! Nach vorne sehen, sich widersetzen und Mut zeigen. "Explore, The future is yours!" Diese Botschaft schwingt noch lange nach dem Konzert im mittlerweile leeren Astra umher. Viel Nebel und merkwürdige Nebelschwaden sieht man noch immer.

Vielleicht ist es aber auch ein Geist.

Aritkel: Wenke Bruchmüller, Foto: Annett Bonkowski
http://patrickwolf.com/

Zurück

Einen Kommentar schreiben

*
*
Bitte addieren Sie 9 und 5.*
Bookmark and Share