10.07.2011 von Johanna Weidauer

Everybody was in the French Resistance... Now!

Eddie Argos (Art Brut) und Dyan Valdés (The Blood Arm) sind nicht nur ein musikalisches Liebespaar, sondern gemeinsam auf den Bühnen der Welt unterwegs, um auf Popsongs zu antworten. Mit ihrer Band Everybody was in the French Resistance… Now! sind sie seit dem letzten Jahr unterwegs, um zweifelhafte Aussagen aus Popsongs gerade zu rücken und die Charts zu retten. Dass dazu neben ein wenig Wut auch viel Spaß gehört, erfuhren wir im Interview kurz vor ihrem Auftritt im White Trash.

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15.04.2010 von Benjamin Peter

Frank Turner

Es ist kurz vor Konzertbeginn im Berliner Magnet. Der Club ist ausverkauft und vor der Bühne findet sich eine schubladenübergreifende Menge aus allen möglichen Altersgruppen und wartet auf den Support-Act Jakoo and Jay. Währenddessen sitzen wir ein Stockwerk höher im Backstage-Bereich, um uns mit Frank Turner über seine Musik, seine Helden und fragwürdige Idole der linken Szene zu unterhalten.

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17.12.2009 von Juliane Schlei

Grey Television

Es war gerade einmal der dritte offizielle Auftritt der vierköpfigen Rand-Berliner Band und trotzdem waren sie schon der Tagestipp einschlägiger Stadtmagazine. Damit haben es Grey Television schon weiter geschafft als nur in den nahe gelegenen Jugendklub. Von Desillusionierung kann also keine Rede sein. Nach ihrem Konzert im Berliner Bang Bang Club am 12. Dezember riefen David, Julius, Robert und Max das Ende der Myspace-Ära aus, schmiedeten Zukunftspläne und stellten fest, dass sie gar nicht so melancholisch sind, wie sie dachten.

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21.11.2009 von Johanna Weidauer

Jochen Distelmeyer

Er gilt als schwieriger Gesprächspartner, der ehemalige Sänger Blumfelds. Und so sind wir doch ein bißchen aufgeregt, ihn zu treffen, als wir während des Soundchecks im Postbahnhof auf das Interview warten.

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11.09.2008 von Johanna Weidauer

Thees Uhlmann

Wenn Tomte eine neue Platte veröffentlichen, dann gibt es viele Fragen dazu. Fragen, die Thees Uhlmann gern beantwortet, denn der Tomte-Frontmann redet gern über sich und seine Musik. So auch an diesem Nachmittag, in einem kleinen Kreuzberger Cafe. Er nimmt sich viel Zeit und man hat das Gefühl, es macht ihm Spaß. Reden, das liegt ihm, sehr sogar.

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Thees Uhlmann

11.09.2008

Wenn Tomte eine neue Platte veröffentlichen, dann gibt es viele Fragen. Fragen, die Thees Uhlmann gern beantwortet, denn der Tomte-Frontmann redet gern über sich und seine Musik. So auch an diesem Nachmittag, in einem kleinen Kreuzberger Cafe. Er nimmt sich viel Zeit und man hat das Gefühl, es macht ihm Spaß. Reden, das liegt ihm, sehr sogar.

 

Wo ordnest du die neue Platte in die Entwicklung von Tomte ein? War es der richtige Schritt, die neue Platte so zu machen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es total der richtige Schritt war. Bei Hinter all diesen Fenstern und Buchstaben über der Stadt fingen wir an mit dem Pathos. Wir haben alle Spuren mit Gitarren, Streichern und Orgeln vollgeknallt, mit Flächen und Synthesizern. Haben wir gemacht und fanden das auch gut. Und jetzt wollten wir in eine andere Richtung. Denn warum ist die Bright Eyes-Platte „I'm wide awake, it's morning“ so hart? Weil man alles hören kann! Du hörst, wenn der Typ Luft holt, du hörst wenn die Gitarrensaite nur ein bißchen verstimmt ist. Und das macht die Platte so hart, wahrhaftig, so ehrlich und großartig. Das hat mich fasziniert. Und deswegen wollten wir zurück zum Song. Wir wollten keine Wirkung erzielen durch Sachen, die man dem Song hinzufügt, sondern wir wollten die Wirkung durch den Song haben. Das haben wir jetzt geschafft, weil wir ein bißchen anders spielen können und weil wir das mit Tobias Kuhn und Thorsten Otto das gemacht haben. Wir haben nach langer Zeit wirklich eine Platte aufgenommen, im Kreis, Verstärker aufgedreht, zusammen Musik gemacht, beraten und irgendwann gesagt: Genauso ist es gut. Das war eine schöne Sache und ich glaube auch, dass es genau so jetzt richtig gewesen ist.


Ist das Bandgefühl denn an der Art der Aufnahme gewachsen? Gerade auch durch die Umstrukturierung in der Band?

Das ist daran gewachsen! Gerade wenn du mit jemanden zehn Jahre lang Musik gemacht hast und der dann nicht mehr da ist. Man muss sich dann umstellen, man muss die Machtverhältnisse neu klären, man lernt sich anders kennen. Max Schröder hinterm Schlagzeug ist eben etwas ganz anderes als Max Schröder hinterm Keyboard. Jetzt hast du diesen verrückten Tomte-Fan Simon Frontzek in der Band, der sofort jeglichen Respekt vor mir verloren hat, seit er in seiner Lieblingsband mitspielt. Was ich natürlich auch genial finde. Ein Kumpel von mir meinte gestern: „Lustig, das ist ja wie ne Frischzellenkur bei euch.“. Das hört sich jetzt als Band eben ein bißchen anders an. Wir sind darüber erstaunt und begeistert. Wir wollen auch gar nicht weg-xen, was früher war, das war auch schön, aber jetzt ist es eben anders. Und ich lebe halt im Heute. Und das bringt mir einfach wahnsinnigen Spaß, das bringt mir enormen Spaß.

Das hört man der Platte auch an. Zwischen euren bisherigen Platten gab es jedesmal einen ziemlichen Umschwung, den empfinde ich diesmal als nicht ganz so hart.


Das hat mich sehr beruhigt, dass manche Leute nach dem ersten Hören gesagt haben: „Oh scheiße“. Und dann mussten sie die Platte natürlich nochmal hören und beim fünften Mal, hat mir ein Freund gesagt, dass er gewusst hat, dass er diese Platte wahrscheinlich am liebsten mögen wird. Die besten Platten sind die, wo sich die Lieblingssongs immer verschieben und irgendwann merkst du, dass jeder Song auf der Platte irgendwann mal dein Lieblingssong war. Und dieser Freund meinte, was natürlich eines, der besten Komplimente ist, dass das bestimmt genau so eine Platte wird.


Hat Tomte jetzt als Band ihren Klang gefunden, denn er hat sich ja sehr gewandelt und ist jetzt nah an den Buchstaben über der Stadt.


Ich akzeptiere deine Meinung, aber ich glaube du hast total Unrecht.

Ja? Warum?


Weil die vom Produktionsprozess weit auseinander sind. Fenstern und Buchstaben sind ganz ähnlich aufgenommen worden. Es gab einen Song, den wir gespielt und dann das Tempo festgelegt haben. Erst haben wir das Schlagzeug fertig gemacht, dann den Bass, dann die Grundgitarren. Und dann haben wir uns gefragt: Wie kriegen wir diesen Song mächtig und groß? Oder: Was machen wir jetzt noch mit diesem Song? Und das war bei beiden Platten ganz genau gleich. Und weil das damals anstrengendes Zeitmanagment war, haben wir uns bei der Buchstabenplatte im Studio wenig gesehen. Nicht, dass das irgendwie hasserfüllt war, es war toll die Platte aufzunehmen, aber wir haben uns halt wenig gesehen. Und bei dieser Platte haben wir 80 Prozent der Zeit gemeinsam an dieser Platte rumgewerkelt. Und deswegen hört sie sich auch anders an.

F
ür mich war der Sprung zwischen Fenstern und Buchstaben viel härter. Fenster war viel rauer, auch vom Text her. Was sind denn so für dich die Grundthemen eurer neuen Platte? Denn ich war beim Hören ganz erstaunt, Buchstaben war ja voll von Glück. Das ist jetzt aber gebrochen.

Das ist jetzt total gebrochen. Also am ehesten versteht man das, wenn man die ersten beiden spitzenmäßigen Platten ausblendet. Die waren ja wirklich wie ein Tiger, der zum Sprung ansetzt. Bei der Fensternplatte, hatten wir eine Ahnung und dachten: Oh die Platte könnte gut werden. Aber das Leben war halt geprägt davon, dass ich überhaupt kein Geld hatte, ohne Krankenversicherung und so. Das hört man der Platte natürlich an. Das du eine Ahnung im Kopf hast, dass da was sein könnte und dann dieser große Traum, von Musik zu leben. Und das hat ja dann auch alles geklappt, zum Glück. Die Buchstabenplatte war dann die Übersteigerung. Das war dann nicht nur, dass man davon leben kann, sondern auch mein privates Leben, alle Zweifel, die ich hatte, alle Baustellen, an denen ich gearbeitet habe, haben sich gelöst. Und das wäre auch feige gewesen, wenn ich dieses Fensterngefühl hätte konservieren wollen. Hätte man ja auch mit durchkommen können. Habe ich aber nicht gemacht, geht bei Tomte halt nicht. Und das Heurekagefühl ist, dass ich diese Position immer noch habe. Wäre ja Quatsch zu sagen, dass es mir schlecht geht, mir gehts spitzenmäßig. Aber weil ich dieses Leben führen kann, habe ich wieder genug Kraft, auf andere Sachen zu sehen. Zum Beispiel wieder verschärft auf mich oder was treibt mich um oder warum ist mein Herz schwer wie ein Planet, woran liegt das? Oder was ist mit dem Typen, der in so einem Laden arbeitet und ich komm darein und kauf mir Brot, was verbindet uns denn eigentlich? Verbindet uns überhaupt irgendwas oder verbindet uns nichts? So in diese Richtung.


Mein Herz ist schwer wie ein Planet ist einer meiner Lieblingssätze auf dem Album. Und das ist bei Tomte eben so, dass ihr diese Sätze habt, die man sich aufs Federmäppchen oder an die Wand schreibt. Da gibt es auch so ein paar auf dem Album.

Neulich hat ja eine Freundin von einem Typen von mir mit einem Typen angebandelt. Und die hat mit dem rumgeknutscht und hat ihm das T-Shirt ausgezogen und der hatte „Schönheit der Chance“ auf den Arm tätowiert. Mehr geht nicht!


Das ist doch toll! Dann hat man alles erreicht. Wenn „Schönheit der Chance“ auf irgendeinem Arm steht, dann ist das echt super.


Mehr geht nicht. Auf jeden Fall!


In deinen Songs ist zwar viel Persönliches, das aber trotzdem so allgemein ist, dass es auch auf mich zutrifft.


So mag ich Musik ja am liebsten und so höre ich Musik auch am liebsten. Das ist ja auch der Grund, warum ich The Killers gut finde. Die größte Stimme im Indierockhimmel hat zur Zeit auf jeden Fall der Typ von den Killers. Ich hab es auch nie ausgeblendet, weil ich auch selbst viel zu sehr Fan war von Rockmusik. Ich erkläre gern was ich damit meine und welches Gefühl dahinter steckt und wenn jemand sagt, das sieht er genauso, dann freue ich mich immer total. Ich hab nie gesagt: aber für dich ist das doch was total anderes. Das ist nicht so. Es gibt etwas, was Jugendliche verbindet.


Wie wichtig ist es für dich über Persönliches zu singen?


Es führt gar kein Weg daran vorbei. Das Ego muss hinter der Kunst zurück treten. Das ist der Weg den ich gewählt habe. Das ist das Einzige was ich gelernt habe, so Musik zu machen. Und alles, was ich artifiziell ändern würde, weil ich zu faul bin das zu singen, würde mir keinen Spaß mehr bringen. Ich könnte das nicht mehr in solch einer Wahrhaftigkeit singen, wie ich das singe und ich glaube ich könnte noch weiter gehen: Ich glaube, dass Tomtefans so schlau sind, dass sie es sofort schnallen würden. Und sagen würden: „Weißt du was drei Platten lang erzählst du: das bin ich, das bin ich, das bin ich, deswegen finden wir dich auch gut und jetzt machst du das nicht mehr, du hast uns betrogen du Arschloch, jetzt kaufen wir deine scheiß Platten nicht mehr.“ Und das ist ehrlich gesagt nur fair enough.


Also das erwarte ich als Fan ja auch.


Das ist ja auch dein gutes Recht. Ihr zahlt das ja auch, ich zahlt ja auch zwanzig Euro für ein Konzert, damit dass real ist. Und Verspieler und Versinger ist immer noch besser, als wenn es vom Band kommt.

In „Voran voran“ gibt es die Zeile: „die Leute lieben Scheitern und ich scheitere so sehr“. Ist denn Scheitern ein Teil des Vorankommens für dich?

(überlegt) Ja also das Leben ist ja nun wirklich keine mit Eiscreme eingeschmierte Rodelbahn. Sondern man eckt an und es gibt jemanden der sagt, das ist Quatsch, was du erzählst. Und das ist in meinem Leben zum Beispiel Marcus Wiebusch. Und wenn Marcus Wiebusch zu mir mal sagt: „Ich weiß, was du meinst, aber halt mal die Schnauze.“, dann denke ich darüber nach. Das ist dann eben so ein kleines Scheitern. Oder wenn man mit einem Lied irgendwie schwanger geht und dann irgendjemand sagt: „Thees, das ist Schrott, es bringt nichts. Lass es.“ Dann muss man ja auch loslassen und das natürlich auch auf zwischenmenschlichen Ebenen. Muss man akzeptieren. Nur dadurch kann man dann wachsen.


Kam es denn bei der neuen Platte vor, dass die Jungs gesagt haben: „Nee, besser nicht so.“?

Wir lösen das ja einfach so: Ich sage, dass ich das gerne so und so haben möchte und wenn Dennis Becker dann hysterisch anfängt zu lachen, dann weiß ich natürlich schon, dass das natürlich total genial ist, aber dass es in dieser Band nicht durchzusetzen ist. Das ist aber auch schön. Das männliche Können der non-verbalen Kommunikation. Ich weiß, wenn Dennis Becker lacht, dass es sein könnte, dass ich auf dem falschen Dampfer bin. Das man das einfach durch ein Lachen lösen kann. Und das man sich da gegenseitig auch vertraut. Denn wenn Dennis Becker lacht, dann wird der wahrscheinlich schon irgendwo Recht haben.

Du hast in einem Interview zu Hinter all diesen Fenstern mal gesagt: „Wir waren uns unserer eigenen Größe nicht bewusst.“ Bist du dir denn jetzt der Größe dieser Band bewusster? Besonders nach dem Erfolg der Buchstabenplatte.

(überlegt) Nein. Größe ist abstrakt. Manchmal hast du so eine bestimmte Zahl von Zuschauern, bei der du dir denkst: hä? Für mich ist das gefühlt erst ein paar Jahre her, dass wir in der Punkszene unterwegs waren und die Leute uns nicht gut fanden. Und jetzt spielst du zweimal im Postbahnhof oder zweimal in der Großen Freiheit mit der Tendenz auf das dritte Mal. Und das ist komisch und ungreifbar. Da darf man auch nicht zu viel drüber nachdenken, sonst wird man irgendwie eitel, plemplem oder man kann das nicht richtig genießen. Das andere ist dann mehr eine Größe, wenn jemand ankommt und sagt: „He, der Song hier, danke!“. Das ist dann schön und da darf man auch nicht zu viel drüber nachdenken, aber das gibt einem ein extrem schönes warmes Gefühl. Man ist selber quasi Part des Games. Wenn ich mal mit Connor Oberst abhängen würde, nach zwei Flaschen Rotwein würde ich ihm auch sagen: „Die Platte habe ich rauf und runter gehört, das ist genau das, was ich gefühlt habe zu der Zeit.“ Und deswegen, weil ich weiß, was ich damit meinen würde, freue ich mich darüber, wenn Leute das zu mir sagen.


Kommt es denn noch oft vor, dass Menschen, das zu dir sagen? Hängst du denn nach Konzerten immer noch mit dem Publikum rum?


Das kommt immer auf die Tagesform an. Aber eigentlich ist das meistens so, ehrlich gesagt.


Das finde ich auch unheimlich sympathisch an Tomte. Ihr seid für den Fan greifbar.


Da achte ich immer sehr drauf. Wenn du das so sagst, dann hört sich das nach einer noblen Geste von mir an. Das ist aber keine noble Geste, es ist ein ganz normales Verhalten, das ich habe. Denn ich sehe meine Band 24 Stunden am Tag, da bin ich mal froh, wenn ich die mal eine halbe Stunde nicht sehen kann, zum Beispiel, wenn ich mit Leuten nach dem Konzert rumhänge. Ich weiß, dass das vielen Leuten viel bedeutet mich kurz zu treffen. Aber es ist kein gewolltes „Ich-mach-euch-noch-mal-ein-schönes-Erlebnis“, dass ich noch mal kurz raus komme. Ich mache das, was mir gut gefällt und ich frag mich, warum Künstler das nicht machen.

Aber trotzdem wird dir ja oft unterstellt, dass du nicht machst, was dir gefällt, ob das wirklich Authenzität bei dir ist.

Es ist noch nicht einmal Authenzität. Ich will danach einfach ein paar Bier trinken. Beim Tomtekonzert kenne ich meist so zehn Leute schon seit fünf Jahren, die will ich noch treffen Ich kann die aber nicht alle Backstage bringen, dann geh ich lieber kurz dahin. Es ist einfach das, was ich tue. Und ich glaube viele Leute sind sich dafür zu fein oder haben da kein Bock drauf. Ehrlich gesagt, finde ich die Leute, die auf Tomtekonzerte gehen zu 95 Prozent spitzenmäßig, drei Prozent finde ich so mittelmäßig und zwei Prozent sind vielleicht nicht so ganz coole Typen. Aber ich hab schon so viele geile Sachen erlebt, dadurch, dass ich nach dem Tomtekonzert mit Leuten rumgehangen habe. Ich habe schon Freundschaften aufgebaut, nur dadurch, dass ich Sachen gemacht hab, die für mich ganz natürlich sind. Da ist kein Kalkül dahinter.

Und genau so bist du ja dann authentisch.

Ja. Genau, das ist was ich mache. Und andere Leute können das nicht ertragen, wenn ich einfach meiner Natürlichkeit folge. Die schaffen das noch nicht mal mit Sich-dazuwzingen.

Die gemeinsame Aufnahme im Studio. Willst du das so fortführen? Muss ja auch anstrengend sein, wie fünf Jungs auf Klassenfahrt.

Na, es ist halt schön. Du spielst da den Song. Du spielst das, was du dir ausgedacht hast. Mit noch X-Ideen von Thorsten Otto und Tobi Kuhn. Das hat vielleicht die gleiche Geilheit von den ersten Bandproben. Ehrlich gesagt: Ich bin halt ein Mann. Wenn ich das Wort Ewigkeit höre finde ich es so schon geil. Aber dass du gerade was aufnimmst, was für die Ewigkeit immer da sein wird,denn irgendwo wird es immer eine digitale Bibliothek geben. Und dass das, was du in dieser Sekunde gespielt hast für die Ewigkeit aufgehoben wird, das sind Dinge die mich faszinieren. Ein Maler hat genau das Gleiche. Der macht einen Pinselstrich und wenn er den nicht übermalt, dann ist das der Pinselstrich für die Ewigkeit. Das ist ein schönes Gefühl.

Welchen Einfluss hatte Tobias Kuhn?


Das ist so, als ob Thorsten Otto und Tobias Kuhn temporär in der Band gespielt haben. Der sagt zum Schluss: „Du ich glaube, das Lied kann noch mehr aufgehen. Da kann noch eine Dängelgitarre hin“. Oder: „Wir haben schon so viele Dängelgitarren, macht mal keine Dängelgitarre. Spielt mal beide zusammen einfach die Akkorde.“. Du arbeitest da wie in einer Band zusammen. Ich kenne natürlich Miles und Monta und schätze ihn. Aber richtig gut hab ich ihn erst im Studio kennen gelernt. Und du musst ihm vertrauen können, musst auch seinem Impuls folgen können. Wenn wir seit fünf Platten das so gemacht haben und Tobi Kuhn sagt, dass man das mal lieber so machen soll, dann macht man das eben so. Der wird schon Recht haben. Und wenn sich das dann mit der Band mischt, die ja auch sehr bei sich selber ist und sich etwas Schönes aufbaut, dann ist das ein geiles Gefühl. Das ist ein Gefühl von Kunstmachen.


Wo und wie sind die Songs diesmal entstanden?


Ich hab hier so eine kleine Butze, wo ich auch das Grand Hotel van Cleef mache. Da steht eine Gitarre rum und da ist das entstanden. Plus absurde Orte, wo es dich plötzlich überkommt. Ich habe eine kleine Tochter und ich habe eine Gitarre von meinem Opa, die ist mindesten 70 Jahre alt. Ich glaube, solche Gitarren werden gar nicht mehr gebaut. Das ist eine Akkustikgitarre, Stahlsaiten drauf und die ist ganz klein. Keine Ukulele, aber mit ganz kleinem Resonanzkörper. Morgens bin ich um halb sieben aufgestanden, das Kind am krakeelen. Kind so fertig gemacht und plötzlich seh ich die Gitarre, nehm sie in die Hand, Kind krabbelt an meinen Beinen rum und ich spiel ganz, ganz schnell die ersten Noten zu „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrunken traurige Musik zu hören“. Eh, das ist ganz komisch, wenn du auf der Gitarre von deinem Opa spielst. Der ersten Gitarre, die ich jemals gesehen hab. Das ist eine der ersten Erinnerungen, dass ich gesehen habe, wie mein Opa Gitarre spielt. Dann nimmst du die Gitarre mit in dein Leben und plötzlich schreibst du was auf dieser Gitarre, innerhalb von Sekunden. Während du in einer ganz neuen Lebenssituation bist. Das ist eine Sache, die ich nicht vergessen werde. Das hat wirklich ein Gefühl von mich küsst gerade eine Muse. Ich aber alleine so mit dem Kitto und versuch noch schnell das Riff zu Ende zu schreiben. Ein wahnsinnig glücksbringendes Gefühl. Und andere Künstler hätten die Geschichte nicht erzählt, weil sie sagen, das ist privat. Aber ich erzähl das, weil es eine geile Geschichte ist und geile Geschichten müssen erzählt werden.


Du willst deine Texte präzise und hart wie einen Punkrocksong. Wie erreichst du das?


(überlegt) Es gibt etwas, das mich umtreibt. Ich hoffe nicht, dass man mir das als Arroganz auslegt, aber manchmal siehst du kleine Kinder auf der Straße mit ihren Eltern, guckst sie an und weißt: „Alter, weißt du was, ich glaube die Chance, dass du top durchs Leben kommst ist ziemlich klein.“. Und es tut mir leid. Kinder ohne Chance. Vielleicht werden das auch spitzenmäßige Kinder, ich bin der Erste, der sich darüber freut, aber häufig hat man aufgrund von gesellschaftlichen Stigmata so ein Bild im Kopf, wo es vielleicht einfach nicht die geilsten Eltern sind. Wir wissen genau, was ich meine. Es gibt Drang in mir, sowas zu singen. Da denke ich nach: es ist so unglaublich trist wie Kinder ohne Chance. Und dann denke ich so lange darüber nach, bis ich das so für mich aufgeschrieben hab, das es vehement und auf den Punkt ist. Und natürlich hart. Oder: Jeder Mann liebt es angetrunken Musik zu hören und durch die Gegend zu latschen. Und er liebt auch dieses Gefühl und er macht den I-Pod immer lauter, so laut, bis nicht mehr geht. Und irgendwann kauft er sich neue Kopfhörer, die nicht abregeln, dann kann man noch lauter Musik hören. Und wir hören dann natürlich nicht James Last, sondern wir hören Interpol oder Kettcar. Nichts ist so schön, wie betrunken traurige Musik zu hören. Da muss man dann auch mit sich kämpfen und seine Freude teilen, ohne Gnade ohne Scham. Wenn du dich nicht öffnest, kann die Kunst nicht so gut sein, wie es nur irgendwie geht. Sage ich. Andere Leute behaupten was anderes. Sie haben Unrecht. (lacht)


Der Song: „Es ist so, dass du fehlst.“ Die Zeile: „Machen wir uns nichts vor, wir passen hier nicht hin, ich bin zu dumm.“ Wie wichtig ist es für dich, nicht angepasst zu sein?


Ich empfinde mich als extrem normal. Ich bin vielleicht kein normaler Typ, aber ich glaube, dass ich ein extrem normales Herz habe. Das was ich mache ist vielleicht nicht normal. Ich hab schon so einen Reflex in mir, da gebe ich dir recht. Ich darf den Satz so eigentlich nicht zitieren, aber ich finde den eben gut. Ich hab mal zu Wiebusch gesagt: „Eh Wiebusch, wenn die No Angels gegen den Krieg sind, dann bin ich für den Krieg.“. Das stimmt natürlich nicht. Aber im Endeffekt wenn es so einen gesellschaftlichen Mainstreamkonses gibt, dass das „echt so ist“ und wenn sich Leute, die mit Politik nichts am Hut haben, sich so positionieren. Dann guck ich echt lieber zweimal hin und stelle fest, dass die das nur machen um sich ein gutes Gefühl zu geben, dass sie auch etwas dagegen getan haben. Je älter ich werde, desto mehr macht mich das Banalisieren von komplizierten Problemen rasend. Lustigerweise. Der zornige Uhl kehrt zurück.


Zum Beispiel?


Wie ich deutsche Bands vor einem deutschen Publikum Ansagen gegen Bush machen höre. Das ist nichts anderes, als sich selber ein gutes Gefühl machen und sich den Leuten als besonders politisch darzustellen. Das ist einfach nur sinnlos und vor allem geht es schnell in eine anti-amerikanische Richtung. Die Welt ist kompliziert, da führt kein Weg dran vorbei. Jeder Versuch die Welt klein zu schlagen von irgendwelchen fünfundzwanzigjährigen Künstlertypen kann ich leider einfach nur ablehnen, weil es einfach Quatsch ist. Ich lass mir nicht von 25jährigen Popeln die Welt erklären.


Die letzte Frage zum letzten Song auf dem Album. „Dein Herz sei wild“, der letzte Song auf dem Album. Ein totaler Kracher. Sonst waren das immer eher ruhige Songs, warum diesmal so ein Kracher?

Wenn das Lied als erstes gekommen wäre, hätte dieser eine Kunstsatz, der vielleicht ein bißchen politisch angehaucht ist, viel mehr Bedeutung bekommen, als er eigentlich hat. Er wäre viel zu abgezapft von den anderen Songs. Und wir fanden es lustig, den härtesten Song, als den Letzten der Platte zu nehmen. Man hätte ihn ja auch als ersten Song nehmen können, dann wären fünfzig Prozent der Interviews nur über die schrottige erste Zeile gegangen, die ich lustig finde. Darüber zu reden warum man das singt und wie man das meint, ist ein abendfüllender Diskurs. Allein die Kontarkarikation, dass er erschossen wird und ich dann seine Eltern treffe. Ich bin ja auch nicht doof, habe ich ja mit Absicht so gemacht.

Interview: Johanna Weidauer

http://www.tomte-musik.de/

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